Briefe von   Claudia Brodzinska-Behrend



29.April 2017 

Filia Walde - oder: Das Dorf, in dem das Geheimnis wohnt...

Meine so lieben Kollegen – und am Herzen liegende Freunde.

Unser so lieber Marinus Kloiber, der nicht mehr bei uns sein darf, hat über viele Jahre erforscht und beurkundet, was es mit Geschichte und Ursprung unserer Heimat auf sich hat. Vor langer Zeit fiel ihm in die Hände, was es mit dem Namen „Wall“ für eine Bedeutung hat.

Also Filia Walde, die Tochter des Waldes – so hatte es Marinus herausgefunden. So wird es wohl sein.

Dieses Wall, in dem wir leben dürfen, birgt nun ein tiefes Geheimnis: Weit in den Wäldern, nicht zu erreichen von einer menschlichen Gestalt entspringt eine wundersame Quelle, seit Jahrhunderten bestehend und nie versiegend. Jahr für Jahr zaubert diese Quelle menschliche Wesen hervor, die von einer besonderen Gnade durchwirkt sind.

Sie scheinen direkt aus Sternenstaub zu bestehen, ausgestattet mit ganz ungewöhnlichen künstlerischen Fähigkeiten, bestimmt für ein Leben auf Erden, das sich in Liebe und Hingabe verströmen darf.

 

In diesem Jahr erleben wir nun die herangewachsenen Sternenkinder in solchem Ausmaß und Ur-Gewalt wie lange nicht zuvor.

Von Vorstellung zu Vorstellung wuchsen Eure Kräfte mehr und mehr an – es war eine solche Wonne, Euch zu schauen, zu hören, Euch zu begleiten, in Lust und Schmerz mit Euch zu lachen und zu weinen, mit Euch zu tanzen. Unsere Seelen erlebten immer wieder einen Freudentaumel, der manchmal auch am Rand des Abgrundes sich bewegte.

Von diesen Wochen wird so manches Herz in tiefer Bewegung viel Kraft in noch Bevorstehendes hineintragen.

 

Gleich nach der Premiere durfte ich einem jeden von Euch ein paar liebevolle Gedanken mitteilen (Anm: siehe unten) – nun aber nach dieser letzten Vorstellung liegt mir noch etwas Besonderes am Herzen.

Unser großer Freund und Künstler, Leonhard, den wir nun diesmal nicht als Schauspieler erleben durften, hat in wunderbarer Weise uns geholfen, wenn man ihn um Rat fragte, oder etwas auf dem Herzen hatte. Immer war er erreichbar und hilfreich, fast Tag und Nacht.

Wenn Leonhard uns in ganz vorzüglicher Weise mit seinen Worten ans Publikum am Anfang und Ende des Geschehens einrahmte, so war das jedes Mal von Klugheit, Humor, Charme und Wärme geprägt, dass man ihn dafür umarmen möchte.

 

Heute nun beim gegenseitigen Abschiednehmen für zwei lange Jahre habe ich noch etwas auf dem Herzen, an Euch alle gerichtet.

In den vielen Monaten des Miteinander-Spielens seid ihr doch aneinander gewachsen wie liebevolle Geschwister. Das darf nicht einfach auseinandergerissen werden.

Haltet Verbindung zueinander – nicht erst wieder in zwei Jahren.

Ein großer Dichter hat ja gesagt: „…denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück.“

 

Hier vor Euch steht eine schon recht alte Dame, der ihr das Glück geschenkt habt, auch indem ihr mich mit einbezogen habt, dass die Seele sich ein paar Wochen ganz, ganz jung fühlen durfte.

 

Gottes Segen Euch allen.

 

Eure Claudia


Zum Gespenst von Canterville (2017):

 

"Das Gespenst von Canterville“: Eine persönliche Widmung

„Ihr seid aus dem selben Stoff, aus dem die Träume sind“, sagte ein großer Theater-Mann über Schauspieler. Einer wie der Andere von Euch Brettl-Hupfern verwirklicht das.

Wie wunderbar!

Rosi Staber hat aus Euch allen Wunderbares herausgelockt.

Dinge, die tief in Euch vorhanden sind, dabei sitzt auf Rosis Schulter die Magierin Steffi Baier, all das Geschehen durchflutend.

Eleonore Steffi Stocker, hingegossen auf´s Canapee, ganz in Erwartung wie ein Marien-Bildnis. Wie schön ist sie anzuschauen in ihrer Stille.

Dann Christian Selbherr in der ersten Szene, voll von unsittlicher Kraft und Verruchtheit. Dann nach dem Mord der Zusammenbruch, wissend für immer verflucht zu sein, wie schaudert es uns.

Der Judas, der Verräter, Verleumder Markus Dorn, glaubhaft in seiner verzweifelten Liebes-Sucht und zum Verräter verdammt.

Nun, 400 Jahre später im Schloß, durchwirkt vom Bann des Bösen.

Die Lady Maria Obendorf, fast in hämischer Freude in ihrer Erwartung des Unglücks, getrieben von großer Mitleidslosigkeit. Ganz groß gespielt.

Benson und Ellie, Michael Zehrer und Ursula Lippkau, wie leblose Statuen an die Wand gepresst. Ursula wissend um alles Unheil, fast lautlos über die Bühne huschend, mit großem Selbstbewusstsein und ein wenig aufmüpfig. Michael in vollendeter Würde, fast unbewegt in seinem Mienenspiel, er weiß dass er mit seiner inneren Gelassenheit jederzeit eingreifen kann.

Nun aber der krachende Einzug der Amerikaner.

Mrs. Otis, Annette Höller, hinreißend tänzelt sie wie eine Barbie-Puppe durch die Gegend.

Eine Augen-Weide, Annette in ihrem perfekt gelungenen Akzent einfach begeisternd.

Mr. Otis, Ludwig Stürzer, ein Diktator in der Familie, einfach ein bisschen fies in der Erziehung seiner Kinder. In den süßlichen Küsschen mit seiner Frau steckt eine sehr abgekühlte Leidenschaft.

Die Söhne John und William, Korbinian und Peter, bringen in die ganze Gesellschaft prickelnde Unverschämtheit und ein Temperament, das nicht zu bändigen ist. Sie planen den Mord am Gespenst, mit diebischer Freude zu töten.

George de Malvosin, Albert Ambacher. Er weiß, dass er das letzte Opfer sein wird, ohne Angst so scheint es, geht er seinen schicksalhaften Weg, bewaffnet mit Schwert und Rettungs-Gedanken.

Die sind für ihn die Begegnung mit Virginia Sylvia Berghammer, die durch das ganze Geschehen sich durchtastend, wissend durch die Prophezeiung, dass sie es sein wird, die Rettung durch erlösende Liebe zu sein. Die Liebe zwischen George und Virginia lassen beide leuchtende Wesen sein, den Sternen gleich.

Nun aber im zweiten Akt schnürt es einem die Kehle zu, wenn das Gespenst Christian Selbherr zwischen auferlegte Mord-Gier und tiefster Verzweiflung einen Weg der Läuterung und Ewigkeits-Erfahrung beschreitet. Wie er sich bewegt, suchend, den Ausdruck seiner Hände, seiner mörderischen, fast selbst erschrocken dirigiert, als gehörten diese Gliedmaßen schon dem Jenseits an, losgelöst von seinem unheilvollen Körper.

Christian in seiner Dynamik kostet jedes Wort, jeden Gedanken, den er zum Leben erweckt, so leidenschaftlich und voller Hingabe aus, als wäre er nicht von dieser Welt. Wenn man diesen Christian wie so oft erleben durfte, dann wird die eigene Seele so durchgerüttelt, dass man nicht anders kann, als zu spüren, dieses Talent muss von Engeln begünstigt sein.

Euch allen, meine geliebten Wesen – danke ich mit aufgewühltem und beglücktem Herzen,

Eure Claudia


Zu Kasimir und Karoline (2015):

Waller Brettlhupfer – Kasimir und Karoline: Beglückendes „Bühnen-Erdbeben“ in Wall!

Man durfte zwei Jahre lang diesem Ereignis entgegen fiebern. Steffi Baier gelang es, eine faszinierende Aufführung auf die Bühne zu stellen. Wie eine Magierin entlockt sie den Spielern allergrößte Vibrationen bis in die Fingerspitzen hinein.

Korbinian Kloiber hat die schwerste Aufgabe, diesen bekümmerten, hoffnungslosen Kasimir zu gestalten – er wächst jedoch von Minute zu Minute in das Wesen dieses Menschen hinein und lässt ihn letzten Endes als nicht Verlorenen erscheinen.

Ursula Lippkau, die Karoline, ganz Weib, stark und unerschütterlich. Josefa Estner ist nur Wärme, nur Menschlichkeit und Klugheit. Sie und Ursula verschwenden gleichermaßen ihre Seele in Augenblicken.

Nun das Ur-Gestein Leonhard Obermüller. Er ist der Rauch. Leonhard verströmt ungeheure Kraft in Stimme, Bewegung und Maßlosigkeit. Es bebt die Bühne – das Publikum wird gleichermaßen vom Stuhl gerissen. Einfach überwältigend! An Obermüllers Seite Michael Zehrer als Speer: Stark, widerlich und ekelhaft. Ludwig Stürzer erschüttert durch absolute Fiesheit und Brutalität – aber er lässt ganz stark scheinbar menschlich verlorene Wärme wieder grandios ans Licht bringen.

Christian Selbherr, der Schürzinger – ein Erlebnis größter Feinheit, wie immer wenn er agiert. Wenn er nur dasteht und schaut, einfach nur dasteht, fast regungslos, sprühen tausend Funken aus ihm, schon beim kleinsten Zucken seiner Fingerspitzen. So fein und behutsam ist er in allem Tun.

Die beiden „Schmetterlinge“, Lockvögelchen Annette Höller und Ulrike Mairinger flirren über die Bühne in süßer, raffinierter Erotik. Entzückend! Maria Obendorf als Ausrufer stark mitreißend und zum Weinen in ihrem hämischen, fast verzweifelt grellen Gelächter. Rosi Staber, dieses echte Bühnen-Tier, in jeder Faser Leidenschaft. Umwerfend in Bewegung und Gestik. Ihre ganze Darstellung ein grandioser Tanz.

Bis in die kleinsten Rollen hinein hat Steffi Baier mit ihren Spielern ein Feuerwerk entfacht. Sie hat es geschafft, die so wichtigen, kleinen Pausen zwischen den Sätzen mit Faszination und zärtlicher Hingabe zu beleben. Alles verstummt im Publikum wenn die Darsteller, wie z.B. in der letzten Szene, Kasimir und Erna in einem bläulichen Licht gänzlich verloren nur schweigen und schauen. Und das fast minutenlang.

Das ist große, große Kunst. Habt Dank Ihr Begnadeten und belebt uns ganz bald wieder mit Eurer überwältigenden Darstellung.

Eure Claudia


Zu Ala-Din und die Wunderlampe (2013):

Liebesbrief“ an die Waller Brettlhupfer:

Es liegt schon ein Geheimnis in diesem kleinen Bauerndorf Wall mit seinem fruchtbaren Boden, aus dem die künstlerischen Begabungen an allen Ecken und Enden geradezu hervorspießen. Das darf man besonders seit vielen Jahren (nämlich alle zwei Jahre) mit den Aufführungen der Waller Brettlhupfer erleben.

Es ist eine Lust, Euch jungen Menschen immer wieder zuzuhören und zuzuschauen. Mit großer sprachlicher und schauspielerischer Qualität ist jeder einzelne Darsteller geradezu von Leidenschaft und großer Freude am Werk beseelt.

Sechsmal durfte ich Euch in „Ala-Din und die Wunderlampe“, von Steffi Baier so feinfühlig und grandios inszeniert, erleben. Eure Darstellung ruft in mir ein Wechselbad von Lach-Salven und Gänsehaut hervor. Eigentlich stehe ich in beglückter Fassungslosigkeit vor Eurer großen und wunderbaren Leistung. Ein großer Theatermensch hat einmal gesagt: „Schauspielerei ist nicht Verstellung, sondern Enthüllung.“ Und das, meine lieben jungen Künstler, erfüllt Ihr ganz.

Gottes Segen Euch allen und tiefen Dank von mir, die ich nun, bis zur nächsten Inszenierung in zwei Jahren, unter allerlei Entzugserscheinungen leiden werde.

Eure Claudia